Lasst Fußball wieder Fußball sein

Ja okay: Ich bin absoluter Fußballmuffel. Ich habe während dem letzten Spiel der deutschen Mannschaft auf dem Balkon gesesessen, und ein paar Bier getrunken und sporadisch diesen rumänischen Erntehelfern zugesehen, die hier ein bisschen gekickt haben, so egal ist mir das letztendlich alles.

Aber es ist ja auch irgendwo bezeichnend, wenn selbst so ein Fußball-Analphabet wie ich ab einem gewissen Punkt genervt ist von der zunehmenden politischen Aufladung des Fußballs.

Unsere Nationalelf zum Beispiel will sich „Black Lives Matter“-mäßig hinknien heute Abend. Eine Ankündigung, die ich schulterzuckend zur Kenntnis genommen habe. Ich habe mich noch kurz gefragt, was denn nun in Großbritannien passiert ist, dass das anscheinend nötig ist aber eigentlich war es mir auch egal, weil: Ist ja nur Fußball und die Leute da machen ja ständig komische Sachen.

Auf Facebook lese ich nun regelrechten Hass wegen dieser Aktion, die ich so für mich als relativ unbedeutend eingestuft hatte. Als wäre an „Black Lives Matter“ bereits irgendwas verkehrt (okay, die, die darüber abhaten, haben da scheinbar tatsächlich echte Probleme mit, warum auch immer). Es wird aber sofort drollig weitergesponnen: Özil (einer der deutschen Spieler früherer Turniere) hätte wohl einen Integrationsbambi gekriegt (Bambiverleihungen stehe ich übrigens noch etwas gleichgültiger gegenüber als Fußball, offenbar bin ich ein sehr ignoranter Mensch), obwohl er seine Hymne nicht mitgesungen hätte.

Hymne! nicht! mitgesungen! Ja, potztausend!

Transportiert ein Blogartikel Ironie? Keine Ahnung. Aber jedenfalls ist und war mir auch immer egal, was oder ob ein Özil singt.

Ich möchte dem Fußball gar nicht absprechen, eine gewisse kulturelle Funktion zu haben und auch eine gewisse Wirkung in der Weise, dass man sich vielleicht als etwas sportbegeisterte Kartoffel als ich es bin ein kleines Bisschen mit der Nationalmannschaft identifizieren kann oder wenigstens will. Aber geht es nicht etwas weit, daraus konkrete Verhaltensforderungen für einzelne Spieler abzuleiten? Zumal gerade dieses Gesinge so etwas ist, das früher, so zu meiner Kindheit, von den allermeisten Spielern nie geliefert wurde – und die meisten waren blonder und blauäugiger als Herr Özil.

Aber so wenig wie solche „Vorwürfe“ verstehe ich, warum unbedingt diese Regenbogenbinden getragen werden müssen. Oder warum man über die Tatsache, dass sie getragen werden, empört ist.

Oder eben, warum sich – Black Lives Matter – hingekniet wird oder warum sich darüber Menschen so erregen können.

Letzte Woche hatten wir das Theater um Regenbogenbeleuchtung im Münchner Stadion. Auch hier verstehe ich nicht, warum man das unbedingt so machen wollte. Ich verstehe auch nicht, warum das für die UEFA dann so ein großes Problem war. Und was die Empörung in der Lautstärke sollte, als die UEFA das nunmal nicht wollte (in IHREM Stadion, wohlgemerkt) habe ich dann auch wieder nicht verstanden. Dass bundesweit alles Mögliche in Regenbogenfarben strahlte, fand ich dann wieder gut – aber das fand auch alles außerhalb des Fußballs statt und war ein ganz normales politisches Statement – im Pride-Month.

Die Woche davor ist Greenpeace mehr oder weniger auf den Köpfen von einigen Zuschauern im Stadion gelandet, es gab wohl mehrere Verletzte. Auch da große Aufregung: Man dürfe Fußball nicht politisch instrumetalisieren und man dürfe das schon gar nicht auf eine Weise tun, die Menschen gefährdet.

Das wiederum unterschreibe ich sogar beides. Aber es ist schon witzig, dass offensichtlich genau das permanent passiert – und zwar ständig von verschiedenen Seiten und mit immer neuen Themen.

Im nächsten Jahr ist ja dann Weltmeisterschaft. In Katar. Einer Diktatur, in der Homosexualität mit Gefängnis und Peitschenhieben bestraft wird. Die Vergabe dorthin könnte schon nicht so hundertprozentig ordnungsgemäß abgelaufen sein, hört man hier und da. Dass so etwas überhaupt in einer Diktatur, der Menschenrechte scheißegal sind, stattfinden muss, finde zumindest ich schon in jedem Fall zweifelhaft – aber da mich Fußball einfach gar nicht interessiert, hänge ich hier meine Meinung gar nicht so sehr ins Gewicht.

Denn natürlich kann der UEFA und der FIFA egal sein, was ein Fußballmuffel wie ich so denkt.

Aber selbst der größte Fußballfan wird erkennen, dass hier unglaublich viel Doppelmoral unterwegs ist und das dieser Appell, Fußball nicht politisch zweckzuentfremden, berechtigt sein mag aber komplett wirkungslos verhallt.

Fußball ist in dieser Europameisterschaft so durchpolitisiert wie nie. Das nervt selbst mich als den letzten Fußballmuffel tierisch, aber offenbar auch jeden anderen. Ob es der jeweiligen Sache, gegen die in vielen Fällen gar nichts sprechen mag und die auch unabhängig davon immer ihre Legitimität hat, am Ende immer dient, muss ohnehin bezweifelt werden.

Wie wäre es, wenn wir uns darauf einigen, dass das einfach nur dieses nette (wenn auch milliardenschwere) Spiel ist, bei dem 22 Leute einem Ball nachrennen und wir uns das biertrinkenderweise alle in der Glotze angucken und dazu pseudofachsimpeln – und das war es dann auch schon?

Lasst Fußball wieder Fußball sein. Es muss nicht jede Nebensache auf der Welt bis zum Getno politisch aufgeladen werden.

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